Insight
Artikel
FLPside Briefing
März 2026

Kein CTO am Tisch, kein Wachstum auf dem Konto

Unternehmen mit IT/Technik in der Kern-Geschäftsführung erzielen höhere Bewertungen, innovieren schneller und sind resilienter. Die DACH-Region hat hier systematischen Nachholbedarf. Wer Technologie weiterhin als Stabsfunktion führt, verschenkt nachweisbar Wachstum und Wettbewerbsfähigkeit. Das Gremium zu öffnen ist keine Strukturfrage – es ist eine Wertentscheidung.

Tech and AI
Digitalization and AI
Organizational Performance and People
Strategy and Growth
IT Services and Software
Lesezeit 5 Minuten
Building a team

Kein CTO am Tisch,
kein Wachstum auf dem Konto

Warum DACH-Unternehmen ohne IT/Technik in der Kern-Geschäftsführung Wert vernichten – und was Vorstände, Aufsichtsräte und Investoren jetzt ändern müssen.

 

01 Die DACH-Governance-Lücke

Das Muster ist überall dasselbe: Ein Vorstandsgremium mit CEO, CFO und COO – und ein CTO oder CIO, der eine Ebene darunter berichtet. Technologie hat Budget, aber keinen Sitz am Entscheidungstisch. Was als pragmatisches Organigramm erscheint, ist in Wahrheit ein strategischer Konstruktionsfehler.

In der DACH-Region ist dieses Setup Standard. Der CTO gehört zur erweiterten Geschäftsleitung, nicht aber zur Kern-Geschäftsführung. Sie oder er darf beraten, aber nicht mitentscheiden und IT wird als operative Notwendigkeit geführt – nicht jedoch als strategischer Wachstumstreiber. Das Ergebnis: Technologie-Investitionen werden an CFO-Logik gemessen statt an Wettbewerbsfähigkeit. Digitale Initiativen müssen sich durch Hierarchieebenen kämpfen, bevor sie auf die Board Agenda gelangen und wenn der Markt schneller dreht als das Organigramm, fehlt im Gremium die Person, die Technologierisiken und -chancen in Echtzeit bewerten kann.


Das Two-Tier-System verstärkt das Problem. Im US-One-Tier-Board sitzt der CIO häufig direkt am Tisch. Im deutschen Vorstand-Aufsichtsrat-Modell ist die Hürde doppelt: Weder im Vorstand noch im Aufsichtsrat ist technische Expertise systematisch vertreten. Das ist kein Governance-Detail - das ist eine strukturelle Blindstelle, die sich in der P&L und im Unternehmenswert niederschlägt.

 

02 Die Zahlen: Was IT im Gremium für Wachstum, Bewertung und Resilienz bedeutet

Das ist keine Berater-Meinung, sondern empirisch belegte Forschung – publiziert in international führenden Tier-1-Journals wie dem Management Information Systems Quarterly (MIS Quarterly), dem Journal of the Association for Information Systems (JAIS) und dem European Journal of Information Systems (EJIS), allesamt Teil des renommierten „AIS Basket of Eight“ und allesamt mit einem konsistenten Befund. Unserer Meinung nach stechen dabei besonders drei Wirkungsdimensionen heraus:


Erstens: Der Kapitalmarkt honoriert IT im Gremium – sofort und nachhaltig. Wenn Unternehmen eine CIO-Position auf Top-Management-Ebene schaffen, reagiert der Markt mit messbaren Kursgewinnen: +1,16 % kumulierte abnormale Rendite im Durchschnitt, bis zu +2,97 % in IT-intensiven Branchen (Chatterjee et al., 2001, MIS Quarterly). Das ist kein theoretischer Effekt, sondern spiegelt sich in den Aktienrenditen in den Tagen nach der Ankündigung wider. Zuletzt wurde 2022 nochmal durch eine aktuelle Studie (Bandodkar und Grover 2022, JAIS)   bestätigt, dass CIO/CTO als Board-Directors den Tobin’s Q Wert signifikant erhöhen - und zwar nicht nur als kurzfristiges Signal, sondern als nachhaltig höhere Unternehmensbewertung über Jahre. (Tobin’s Q: Maß für den Marktwert eines Unternehmens relativ zu seinem Substanzwert – je höher, desto mehr Vertrauen misst der Markt dem Unternehmen bei.)


Zweitens: Mehr digitale Innovation – messbar an Patenten und Produkten. Eine Analyse von 2.852 Firmenjahren im S&P 500 zeigt: Unternehmen mit CIO im Top-Management-Team melden anteilig 4,3 Prozentpunkte mehr digitale Patente (Bendig et al., 2023, MIS Quarterly). Dieser Mechanismus ist nachvollziehbar, denn „Wer am Tisch sitzt, bestimmt die Agenda“. IT-Führung im Gremium verschiebt Aufmerksamkeit und Ressourcen systematisch Richtung digitaler Wertschöpfung – nicht als Projekt, sondern als strategische Priorität. Zudem steigert eine Board-level IT Governance die Organisationsperformance signifikant – und der Effekt ist stärker, je innovationsabhängiger das Geschäftsmodell (Turel und Bart, 2014, EJIS).


Drittens: Weniger Sicherheitsvorfälle, bessere Governance. Unternehmen mit IT-Executive-Involvement in der Führung weisen eine rund 35 % niedrigere Breach-Wahrscheinlichkeit auf (Kwon/Ulmer/Wang, 2013, Journal of Information Systems). Auch eine verbesserte Gesamtperformance – von Accounting bis hin zu Markt-Metriken – wird durch Board-IT-Kompetenz im Rahmen einer Analyse von über 32.856 Firmenjahre bestätigt  (Joshi et al., 2019, Journal of Information Systems)


Der Erwartungseffekt – und warum er ein Qualitätssignal ist. IT-kompetente Boards werden bei operativen IT-Ausfällen stärker vom Kapitalmarkt abgestraft. Was zunächst widersprüchlich klingt, ist jedoch logisch: Investoren erwarten von diesen Unternehmen mehr und nehmen als Messlatte „Wer IT-Kompetenz im Gremium signalisiert, wird an höheren Maßstäben gemessen“. Das ist kein Argument gegen IT im Board – es ist ein Argument für ernst gemeinte IT-Governance statt kosmetischer Titel (Benaroch et al., 2021, Information & Management).


03 Das Cost-Center-Paradigma ist überholt

Die Empirie entkräftet das dominierende DACH-Narrativ: Technologie als Kostenstelle, die möglichst effizient zu verwalten ist. In einer Ökonomie, in der digitale Produkte, Plattformgeschäftsmodelle und KI-getriebene Prozesse die Wertschöpfung bestimmen, ist diese Sichtweise nicht nur veraltet – sie ist wertvernichtend.


Technology ist kein Support – Technology ist das Geschäft. Wenn die CIO-Position dem COO oder CFO nachgeordnet ist, wird Technologie automatisch nach deren Logik gesteuert: Effizienzoptimierung, Budgetkontrolle, Risikominimierung. Das sind notwendige Funktionen. Aber sie sind nicht hinreichend für digitale Wertschöpfung. Dafür braucht es strategische Entscheidungsmacht auf oberster Ebene – nicht Beratung aus der zweiten Reihe.

Der Unterschied zwischen IT-Präsenz und IT-Macht ist dabei entscheidend. Die Studien zeigen: Ein CIO-Titel allein bewirkt wenig. Die positiven Effekte auf Innovation, Firmenwert und Resilienz treten dann ein, wenn IT-Führung tatsächliche Entscheidungskompetenz im Gremium hat – über Budgets, Strategie und Investitionsprioritäten.

 

04 Was Boards und CEOs jetzt tun müssen

Die Forschung zeigt den Zusammenhang. Die Umsetzung liegt bei den Entscheidungsträgern. Drei Hebel sind sofort aktivierbar:


Erstens: Tech-Kompetenz in die Kern-Geschäftsführung heben. Das heißt nicht zwingend eine neue Vorstandsposition. Es heißt: CTO oder CIO mit vollem Stimmrecht, direktem Zugang zum Aufsichtsrat und gleichberechtigter Entscheidungsmacht neben CEO, CFO und COO. Die Berichtslinie muss den CEO erreichen, nicht den COO.


Zweitens: IT-Kompetenz im Aufsichtsrat verankern. Wenn der Aufsichtsrat über die digitale Strategie des Unternehmens wacht, braucht er Mitglieder, die diese Strategie bewerten können. Die Besetzung eines Tech-Ausschusses oder die gezielte Berufung technologieerfahrener Aufsichtsräte ist kein Nice-to-have – es ist Governance-Pflicht in einer digitalen Ökonomie.


Drittens: Technologie-Investitionen als Value-Creation-Logik steuern. Solange IT-Budgets ausschließlich nach TCO und Payback bewertet werden, bleibt Technologie strukturell unterinvestiert. Boards sollten Technologie-Investitionen zusätzlich an strategischen KPIs messen: digitaler Umsatzanteil, Time-to-Market, Plattformfähigkeit, Cyber-Resilienz.

 

BOARD-DIAGNOSE Fünf Fragen, die Handlungsbedarf offenlegen

  • Hat Ihr CTO/CIO volles Stimmrecht im obersten Entscheidungsgremium – mit direkter Berichtslinie zum CEO?
  • Verfügt Ihr Aufsichtsrat über mindestens ein Mitglied mit operativer Technologieerfahrung auf C-Level?
  • Werden Technologie-Investitionen nach Value-Creation-Logik bewertet – zusätzlich zu TCO und Payback?
  • Steht digitale Strategie als eigenständiger Punkt auf der Board-Agenda – mindestens quartalsweise?
  • Könnte Ihr Gremium eine technologische Disruption in Ihrem Markt innerhalb von 48 Stunden strategisch bewerten – ohne externe Berater?

 

Ein Nein ist kein Versagen – es ist ein Hinweis, wo Wertpotenzial ungenutzt bleibt. Gemeinsam analysieren wir Ihre Board-Struktur und Tech-Governance, identifizieren die kritischen Lücken und entwickeln priorisierte Maßnahmen mit messbarem Impact auf Unternehmensbewertung und strategische Handlungsfähigkeit. Sprechen Sie uns an.

KontaktSprechen Sie uns an

Jens Reska
Jens Reska
Managing Director
Digitalization and AI, Tech and AI, Strategy and Growth, Performance Improvement, Workforce Transformation, Organizational Performance and People, IT Services and Software, Technology, Media, and Telecommunication
Axel Meythaler
Axel Meythaler
Managing Director
Carve-out and PMI, Value Creation and Exit Readiness, Performance Improvement, Organizational Performance and People, Change Management
Dr. Gerrit Schütte
Dr. Gerrit Schütte
Managing Director
Due Diligence, Value Creation and Exit Readiness, Portfolio Strategy and Buy & Build, Principal Investors and Private Equity, Industrials and Automotive